DAS KULTURKABINETT



Protokoll vom 14. November 97

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Nachtessen am Gartenweg

Nach dem zwölften zusammenstoss hier eine kurze Zusammenfassung des Abends vom 14. November und eine Einladung für das Nachtessen vom Freitag, 5. Dezember, 20.15. Am 14. November war Pius Studer zu Gast. Er arbeitet im Paraplegikerzentrum in Nottwil und ist dort für die berufliche Wiedereingliederung der Querschnittgelähmten verantwortlich. Sein Spezialgebiet ist Elektronik/Informatik. Konkret: er entwickelt Computermäuse, die von gelähmten Menschen gut bedienbar sind. So steht ihnen der Computer als Werkzeug zu Verfügung. Beim Gespräch dabei waren Judith Albisser, die Pius eingeladen hat, Judith Huber und Adi Blum. Zu essen gab es Riz Cazimir.

Für Schwerstbehinderte bietet der Markt keine geeigneten Hilfsmittel, um ihnen die Arbeit mit dem Computer zu ermöglichen. So entwickelt Pius Einzelanfertigungen, die dem Bedürfnis des einzelnen angepasst sind. So entwickelte er ganz taktile Tischmäuse (kleinste Muskelfäserchen genügen, um den Schalter zu betätigen), oder etwa eine Maus, die wie ein optisches Echolot funktioniert und per Lichtschranke bedient werden kann. Da die Tastatur im Bildschirm eingeblendet ist, können mit der Maus alle Computerfunktionen bedient werden.

Er zeigte uns die Rotarymaus, die an der Brille befestigt werden kann und so durch die Kopfbewegung der Cursor auf dem Bildschirm bewegt werden kann. Mit einem Schalter, der zwischen die Backenzähne gelegt und per Biss bedient wird, kann der Gelähmte klicken. Wir sahen die Blasemaus: Saugen und Blasen aktiviert je einen Schalter. Pius verwendet vor allem Konstruktionen, die es schon gibt, und gestaltet sie für seine Zwecke um. So verwendet er auch das Umweltkontrollgerät, das mit Sprache gesteuert wird. Pius baut es um und der Gelähmte kann per Stimme dem Computer Befehle geben.

Stolz seiner Sammlung ist die Zungenmaus, die er auch hat patentieren lassen. Der Gelähmte nimmt eine Platte in den Mund und kann mit Zungenbewegungen an der Gaumenoberseite den Cursor bewegen, anklicken tut er, indem er mit der Zunge auf den Schalter auf einem der rechten Backenzähne druckt.

Pius erzählte uns die Geschichte von einem Informatiker, der durch einen Zeckenbiss total gelähmt wurde. Ein Virus verursachte die Hirnhautentzündung. Diese "krankheitsbedingte" Lähmung bringt mit sich, dass die Motorik zu 100% ausgeschaltet die Sensorik aber zu 100% funktioniert. Er spürt noch, kann aber nichts bewegen. Für diesen Informatiker sei der Computer natürlich einen Segen. Wo früher nur das Betrachten von Landschaften und Fernsehschauen dem Behinderten eine Abwechslung geboten habe, sei es heute mit Hilfe des Computers und des Internets möglich, weltweit Kontakte zu haben und zusätzlich spiele der gelähmte Körper keine Rolle: die geschickte Information sieht gleich aus, ob sie von einem gelähmten oder nicht gelähmten Menschen stamme. Die Anonymität macht's möglich.

Der Informatiker arbeitet wieder für seine alte Firma, recherchiert für sie im Internet ist zwar online ein bisschen langsamer, aber er hat durch den Computer wieder eine Lebensaufgabe. Er kann nicht selbständig essen, nicht aufs WC gehen, er hängt an der Beatmungsmaschine und er braucht eine Vollbetreuung. Für einen Laien sähe er aus wie tot. Von aussen wird gemacht, was sein Körper braucht, um am Leben zu bleiben. Nicht einmal Selbstmord kann er begehen.

Gefangen im eigenen Körper - so bezeichnete Pius den Zustand des Gelähmten. Ohne Maschinen kann dieser Mensch nicht überleben, und nun ist es eine weitere Maschine, der Computer, der es ihm erlaubt, eine Kommunikation mit der Welt aufzubauen. Gelähmten sei es ungeheuer wichtig, wieder ein gewisses Mass an Mobilität und Selbständigkeit zu haben und was bei den meisten Priorität habe - eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Mit Training am Computer verliert der Gelähmte wieder seine "Invalidität" (in-valid = wertlos) und hat wieder das Werkzeug, um seinen alten Beruf - falls es sich nicht um körperliche Arbeit gehandelt hat - wieder auszuführen.

Eine lesende Kultur ist eine Radio hörende, eine Femseh schauende und nun eine interaktiv - über den Computer mitbestimmende Kultur geworden. Um den Computer bedienen zu können reduziert sich der Körper auf Augen und ein paar Muskelfasern. Der Rest des Körpers ist Nebensache, und spielt höchstens noch eine Rolle, wenn einem vom Sitzen der Hintern schmerzt. Unsere Kultur wird immer mehr zu einer Kultur der Entkörperlichung - der Gelähmte und der Nicht-Gelähmte sind, um ihre Berufe auszuüben, nicht mehr auf Körperarbeit angewiesen. Informationsaustausch genügt.

Mit Blinzeln und Buchstabiertabelle hat ein gelähmter Schriftsteller ein Buch geschrieben. Im Schnitt muss er nur noch drei Buchstaben eines Wortes eingeben, der Rest des Wortes wird von der Speicherfunktion des Computers erraten. Wo das hinführen wird? Die Technologie wird natürlich von der Presse mythologisch verbrämt. Wunsch und Realität klaffen weit auseinander. Dennoch: von allem was die Futuristen zu Beginn diese Jahrhunderts geträumt haben, ist zwar vieles Spinnerei geblieben, aber ein kleiner Teil der Visionen ist heute in der westlichen Welt Alltag geworden.

Heisst keinen Körper mehr haben (mehr gebrauchen müssen): mehr Lebensqualität? Zum Beispiel die erträumte Schnittstelle Hirn. Hier stossen wir an eine Grenze des Mach- und Wünschbaren. Wenn die Infomaschine direkt mit dem Hirn verbunden wäre, könnte der Gedanke schon Tat sein. Doch die eingehenden Informationen mussten gefiltert werden können - und es scheint auch nicht gerade angenehm anzumuten, wenn jeder und jede alle unsere privatesten Gedanken (und Gefühle?) lesen könnte. In der näheren Zukunft wäre es wohl eher angebracht, für unmittelbare soziale Probleme Lösungen zu suchen.

Pius wies auf das Problem der aktiven Sterbehilfe hin, die in der Schweiz gesetzlich nicht erlaubt ist. Es gibt zwar passive Möglichkeiten, jemandem beim Sterben behilflich zu sein, es gibt auch EXIT, eine Vereinigung, die in solchen Fällen hilft, aber auch nicht aktiv geben darf, was zum Tod führt, aber wenn ein Gelähmter über lange Zeit wiederholt den Wunsch geäussert hat zu sterben, er selber, wegen seiner Lähmung keine Möglichkeit hat, ein Mittel anzuwenden, gibt es keinen legalen Weg, ihm beim Sterben zu helfen.

Fürs nächste Treffen (5. Dez) steht das Thema "Essen". Fürs eine Mal weniger theoretisch und den Säften gewidmet. Und wie imner: Wer sein Interesse an der Diskussion verloren hat, soll mir das sagen, auf Telefonbeantworter sprechen, schreiben, - ein Blinzeln genügt - und die Information wird verarbeitet. Mit lieben Grüssen. Adi.