Lesen und Gesellschaft.  Von Frankenstein zu Star Gate

 

von Felix Keller


Bücher 2

Das Buch der Bürger

Was Shelley aber als fatalen, vernichtenden Zusammenhang geschildert hat, der sich in der Schlüsselstelle der Goethe-Lektüre des Monsters gleichsam bricht, nämlich des Zusammenhangs zwischen Literatur, Identität und erwachender bürgerlicher Ordnung, deren grundlegende Werte im wesentlichen noch heute gelten, ist an anderer Stelle gerade als gelungenes Einhergehen geschildert worden; ein Einhergen von Lektüre, Entzifferungspraxis und Diskussionen in homogenen sozialen Mileus, welche die Idee moderner Gesellschaft im bürgerlichen Sinne im eigentlichen Sinne wirklichkeitsgestaltend erst hat enstehen lassen. [4] Womöglich ist, und es sprechen gute Gründe dafür, die Idee einer politischen Öffentlichkeit, bislang unverwüstliches Leitbild politischer Demokratien, gar selbst aus einer literarischen Öffentlichkeit hervorgegangen, getragen von einer neu entstehenden und erwachsenden Klasse, diejenige des Bürgertums. Le public, so hiess im 17. Jahrhundert in Frankreich noch die lecteurs et spectateurs, just also die Adressaten der höfischen Kunstdarbietung. Hier tritt noch, ganz aristokratisch geleitet, dessen hervor, was man bis heute als 'Salon' bezeichnet: der Fürst feiert sein Mäzenentum und versammelt seine Künstler vor einem grösseren Publik. Mit dem Wegzug des Hofes nach Versaille, bleibt aber der Salon in Paris - und entzieht sich auch der höfischen Repräsentation: es findet sich neben der Stadtaristokratie auch aus dem Bürgertum stammende Künstler und Wissenschaftlicher zu einem Publikum aus. Ein ähnlicher Prozess bildet sich in London mit der Institution der Kaffeehäuser, die Aristokratie, in England auch verbunden mit kapitalistischer Hochfinanz und literarische Intelligenz trifft sich hier zum Austausch oder um Habermas' Ausdruck zu verwenden: zum Räsonnement, das alsbald nicht nur Kunst und Literatur zum Gegenstand hatte, sondern sich auch zu ökonomischen und politischen Disput sich wandelt. Mit anderen Worten, in den Salons, Kaffehäusern und auch deutschen «Geheim-Gesellschaften» erfahren unversehens auch Bereiche eine Thematisierung, die bislang als fraglos gegeben erschienen, sie bilden in dieser Weise den Keim einer politischen Öffentlichkeit. Der höfische und grossbürgerlicher Salon findet seine Entsprechung nunnmehr auch in der Bürgerstube, dem Salon, der nur noch dem Wort nach an die ursprünglichen Sinn verweist. Öffentliches und Privates geht mitten durch das bürgerliche Haus, indem der Salon der ‹Gesellschaft› dient, dem festgeschlossenen Freundeskreis, in der eben auch die Literatur ihren festen Bestandteil hat. Geradezu exemplarisch für die Verquickung der öffentlichen und privaten Sphären und der Herausbildung einer bürgerlichen Subjektivität steht hierbei der «Briefroman». Briefe erfreuten sich nicht nur der grosser Beliebtheit, sie wurden teils geradezu zwecks Veröffentlichung verfasst. Ein besonders geglückter Brief erfuhr dann das Kompliment, dass er «zum Drucke schön» sei.[5] Damit erhält nun nicht nur Shelleys Frankenste ihren sozio-historischen Ort, sondern auch bei Goethes Werther. Beides sind Briefromane, beide vermitteln etablieren einerseits einen Dialog zwischen fiktiv realer Perspektive und Perspektive des Lesenden. Die Schreibweise der beiden Romane, ist sie zufällige? Dieser historisch-soziale Ort, in der sich zwei Romane in Briefroman miteinander verquicken, ist jener Ort auch, der für das Idealbild des Lesens als Wert unschwer zu erkennend ursprünglich ist. In dem Briefroman verwischen sich geradezu exemplarisch Öffentliches und Privates, tritt etwas hervor, was das Entstehens einer spezifischen Subjektivität genannt werden kann, in der der Lesende an der subjektiven, oder vorgegeben subjektiven Perspektive der Welt teilnimmt, sich gespiegelt sieht, oder schlicht diese auch wahrnimmt.

Nicht miteinberechnet in diese Auseinandersetzung der Möglichkeit einer literarischen und damit immer auch gesellschaftlichen und gesellschaftsbildenden Kultur sind aber in diesem Horizont die Monster. Aufgrund seiner genetischen Möglichkeiten, seines prothesenhaften Körpers ist das Monster Frankenstein erstaunlich fähig, Kultur zu rezipieren und sich mit Literatur auseinanderzusetzen: in nur sehr kurzer Zeit hat es die menschliche Sprache, Schrift und Gesellschaft erlernt. Nicht zuletzt auch aufgrund seiner physischen Kondition, der materiellen Basis also, bereitet ihm die Reproduktion keine Mühe, so hat denn das Monster genügend Musse, um sich der Literatur hinzugeben - und dennoch: die Identifikation, die Subjektwerdung scheitert auf fatale Weise. Der ganze dramatische Weiterentwicklung beruht darauf, dass Frankenstein erzwingen will, dass ihm eine Gefährtin geschaffen wird, jemand, mit der es eine Beziehung, eine Mikrostruktur einer Gesellschaft aufbauen kann. Dass dann daraus eine ganze Anti-Gesellschaft der Monster würde, dies ist der ausschlaggebende Grund dafür, dass Dr. Frankenstein sich schlussendlich weigert, seiner Kreatur eine Gefährtin zu konstruieren, auch bei den noch so nachhaltigsten Beteuerungen des Monster, es werde der Zivilisation in die Eiswüste fliehen: Denn «selbst wenn die beiden unserm Europa den Rücken kehren, um in den Wüsteneien der Neuen Welt ihr Leben zu fristen», so Dr. Frankensteins ‹berlegungen, «so musste doch eines der ersten Ergebnisse solcher Zweisamkeit, nach welcher der Damön dürstete, der Kindersegen sein! Dann aber würde ein Geschlecht von Teufeln sich über die Erde ergiessen, das auf die Dauer selbst noch das nackte Leben dieser Menschheit in die entsetzlichsten Gefahren brächte!»[6] Mit anderen Worten: der misslungenen Identifikation des Monsters mit der Gesellschaft der Menschen, die in der Schlüsselstelle der Lektüre von Goethes Werther sich gezeigt hat, steht eine aktive Ausgrenzungspolitik der Menschen, respektive des Menschen Frankenstein gegenüber. Dies nun ist notabene eine ganz andere Lesart der bürgerlichen Öffentlichkeit: es ist nicht die mangelnde kulturelle und soziale Kompenz, die das Eintreten in die bürgerliche Gesellschaft verhindert, nachdem die bürgerliche und literarische Öffentlichkeit sich gerade durch eine prinzipielle Wertoffenheit auszeichnet; im Gegenteil, es ist die Politik einer Ausgrenzung gegen das Andere, Unbekannte, Fremde, das der eigenen Vorstellung von Subjektivität widerspricht. Das Monster war für Shelley nur die Möglichkeit, eine Gesellschaft und ihre Leidenschaften zu erzählen: über den Effekt einer distanzierten Verfremdung. In der Tat lässt sich aber auch realiter ein solcher Ausgrenzungsdiskurs, der von der bürgerlich-literarischen Öffentlichkeit ausging, deutlich nachzeichnen.

Sozialgeschichtlich lässt sich zeigen, dass die Mitgliedschaft in Lesezirken und - gesellschaften, jenen Kreisen als, in der die Idee des modernen Menschen als citoyen kreierten, in der Tat relativ homogen war: «Ärzte, Pfaffen, Offiziere und Professoren, die Gelehrten,» und teils auch verarmte Adelige Frauen waren im übrigen zu diesen formalisierten Gemeinschaften nicht zugelassen, wo wie besagt auch das politische Räsonnement stattfand, sondern eher in den Salons und den Lesezirkeln. Aus den Statuten der Aschaffenburger Lesegesellschaft lässt sich dieses Profik beispielhaft deutlich ablesen: Das in die Lesesegesllschaft «zulässige Personal männlichen Geschlechts besteht a) aus der hiesig und benachbarten Geistlichkeit ohne Unerschied. b) aus hiesig- und benachbaten Beamten-Amts-Stadt- und Vogteischreiberen. c) aus charakterisierten Personen, welche dermalen dahier privatisieren. d) aus Advocaten, und stiftischen Officiaten. e) aus sonstigegen Honoratioribus litteratis aus dem bürgerlichen Standte, welche dahier sesshaft sind». Keinen Zulass gewährt wurden «Junge in Studiis noch begriffene, oder ohne sichere Bestimmung sich dahier aufhaltende Leute ... so, wie alle uibrigen! Zu obigen Stand Klassen nicht gehörige Personen geringeren Standes»[7] Es gab allerdings bald einen Ort, wo sich Leute dieser niederen Stände und auch Frauen öffentlich dem Lesen hingeben konnten, nämlich die Leihbibliotheken. Sie tauchten bereits im 17. Jahrhundert auf, verbreiteten sich aber erst in der zweiten Hälfte des 18. In diesen Leihbibliotheken wurde nunmehr ein anderes Lesepublikum wahrnehmbar, das nicht der neuen Mittelschicht des gebildeten Bürgertums entstammt. Dies beinhaltete notwendigerweise ein Moment der Beunruhigung. Die Reaktion der gebildeten Stände tritt alsbald ein und ist entsprechend harrsch, als die Leihbibliotheken gegen Ende des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts sich schnell verbreiteten. Die Gothaische Gelehrten Zeitungen beispielsweise sprach von «moralischen Giftbuden» und erweist sich damit in gewisser Weise als repräsentativ für den ausgrenzenden Diskurs des Bildungsbürgertums. So liest man denn auch von «moralischen Bordellen», die eigentlich «Arsenik des Geistes» verbreiteten.[8] Die Lektüre von fremden Schichten wurde denn unversehens als Ausdruck einer um sich greifenden «Lesesucht» und «Lesewut» gesehen, in gewissem Sinne als «soziale Krankheit» betrachtet.[9] Lesesucht und Lesewut geronnen zu eigentlichen Topoi, welche die vermeintliche beunruhigende Tätigkeit der breiteren Bevölkerung fassen sollte. So ist im Journal von und für Deutschland von diesem merkwürdigen «Zeitalter» zu lesen, «in welchem die Lesewut bis in die niedrigsten Stände gedrungen ist.» In gleicher Weise schwante dem Reichs-Anzeiger Unheimliches: «Die Lesesucht verbreitet sich allgemein, bis zu der niedrigsten Classe, und verdrängt Religion, tugend, Industrie, Frugalität, und ihre Folgen, ächte häusliche und Familienglückseligkeit». Mit «Unwillen» wird betrachtet, dass «die Bürgertochter, die man lieber in der Küche sähe, ihren Göthe oder Schiller im Hausflur liest». Wie bei Dr. Frankenstein, so war auch hier die Furcht gang und gäbe, dass alsbald eine Nation von Monstern heranwachsen könnte:

«Zu läugnen ist es nicht, dass wir in einem Zeitalter leben, wo die Lesesucht an der Tagesordnung ist und immer weiter um sich greift. Was sonst gewöhnlich nur eine Beschäftigung der Gelehrten und solcher Volksklassen war, die sich mit Recht zu den gebildetet zählen, das ist itzt die allgemeine Sitte nicht nur der mittleren, nein, auch selbst der niederen Stände, und nicht bloss das männliche, nein! Selbst das andre Geschlchet findet einen unwiderstehlichen Hang, sich durch Lectüre zu unterhalten (...) Die Gewohnheit, alles ohne Auswahl und Prüfung, wohl gar zur Unzeit und ohne die nothwendigen Einschränkungen, begierig aufzusuchen, seine Geschäfte dabey zu vernachlässigen udn sich in eine Welt von Ideen und Träume zu versetzten, das Bücherlesen zur Haupt - und seine eignetlichen Berufspflichten zur Nebensache zu machen - das ist grade der Weg zur sittlichen und häuslichen Zerrüttung.»[10]

In diesem Klima der Angst und der Ausgrenzung spiegelt sich, so ist unschwer zu erkennen, die eigene historische Erfahrung der Genese des Bürgertums als soziale Klasse, die in die Geschichte einzugreifen vermochte - denn Lesen bedeutet Bewusstwerden und vor dieser Bewusstwerden ging die Furcht, eine Furcht, die bemerkenswerterweise aber letztlich vollständig ohne Referenz war: denn sozialgeschichtliche Untersuchungen zeigen deutlich, dass das Lesen mitnichten sich ausbreitete, sondern auch im beginnenden 19. Jahrhundert sich im wesentlichen nach wie vor auf eine schmale Schicht des Bildungsbürgertums beschränkte. Lesen war aber beileibe kein Massenphänomen, wie die obigen Zitate vermuten liessen, 'die Demokratisierung des Lesens und der damit verbundenen kulturellen Praktiken hat nie stattgefunden', so muss heute festgestellt werden. Die monströse Klasse, 'la classe dangereuse', die 'unheimlich' lesende Klasse, die zu einer unheimlichen und gefährlichen Identität hätte gelangen können, sie war also ebenso 'Fiktion' wie das lesende Monster Frankenstein dem Imagninären angehörte.

Diese längeren Ausführungen zu historischen Prozessen, literarisch und ironisch gebrochen durch den Diskurs des Monster Frankenstein, sollten dasjenige vergegenwärtigen, was noch als Norm des Lesens gilt: das kontemplative Vergegenwärtigen des eigenen Bewusstsein über das Lesen, die Kultur des literrischen Salons als Keimzelle von Subjektivität jenseits des unmittelbar alltagspraktischen Zusammenhans, sie gelten als Norm des Lesens nicht nur hinsichtlich eine Verteidigung gegenüber eines wahrgenommenen Verlust des Lesens im Sinne von «Gutenberg-Elexien».[11] Sie wirken auch als Kontrastfolien für jede neue Form des Lesens und Entzifferns. Dieses Ideal erschöpfte sich indes in keiner Weise in seiner Idee, sondern hat Wirklichkeit, Gesellschaft geschaffen, auch wenn damit ein ganz bestimmtes, mit anderen Worten «Gesellschaft» als Konzept eines klar umgrenzten sozio-historischen Ortes durchgesetzt wurde.[12]

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[4] Ich spreche hier natürlich von Jürgen Habermas? «Strukturwandel der Öffentlichkeit», der diese kurze Darstellung auch folgt (insbesondere Seite 110 ff.).

[5] Habermas, Strukturwandel, S. 114.

[6] Shelley, S. 232.

[7] Martino und Stützel-Prüsener, Band 4, S. 46.

[8] Diese und folgende Zitate enstammen Martino und Stützel-Prüsener, Band 5.

9] Martino und Stützel-Prüsener, Band 5, S. 46.

[10] Schlesische Provinzblätter, 1806 (11. Stück), zitiert nach Martino und Stützel-Prüsener, Band 5, S. 47.

[11] Vgl. hierzu die Ausführungen von Birkerts.

[12] Dass hierbei die Genese der bürgerlichen aus der literarischen Öffentlichkeit sogar konstitutiv ist, das wäre gerade der Einwand einer Soziologie im Sinne Pierre Bourdieus gegenüber dem Habermasschen Ansatz.