Von der Schrift zum Digilekt?.  Mitschreibeprojekte

von Regula Erni


Die hier vorgestellten Mitschreibprojekte haben ihren Ursprung in der Mailingliste "Netzliteratur", wo unter dem Subjekt, das zum Titel des jeweiligen Projektes - Ausnahme: "Webgespräch" - geworden ist, Diskussionen geführt wurden.
Die Initianten eines Webprojektes frieren den momentanen Stand der Diskussion für einen Augenblick ein und damit auch die Gemeinschaft, die sich bis dahin mit dem Thread auseinandergesetzt hat, während die Diskussion von Interessierten andernorts weiter geführt wird.
Der ersten Gemeinschaft war das Subjekt, der Gegenstand wichtig; sie hat sich darum geschart, versammelt. Jetzt aber legt der Initiant des Mitschreibprojektes einige Regeln für das Wieder-verflüssigen des gefrorenen Textes und für die Erweiterung der Gemeinschaft fest.
Ein Anfang ist gemacht, eine einfach angelegte Welt, mit der Grundlage zu einer eigenen Geschichte entstanden.
Diese Welt ist gemacht aus:
· Texten, welche das Materielle ausmachen,
· Autoren, welche die Bewohner sind,
· einer Umwelt, die aus dem Web, HTML, FTP, PCs, MACs, URLs, Programmen, Verknüpfungen, Netztechnik im allgemeinen besteht.
Der gemeinsame Gegenstand, das Schaffen von Etwas, steht im Mittelpunkt; das Gemeinsame hat Priorität. Wo vorher lediglich ein Subjekt gestanden hat, während der Thread schon in andere Bahnen gelenkt worden war, steht jetzt das gemeinsame Interesse der "Bewohner" die kleine Web-Welt zu gestalten, zu beleben und den eigenen Horizont zu erweitern. Wer neu dazu kommt (als "Einwanderer" oder "Ausserirdischer"), wird als Mitwirkender, als Mitgestaltender willkommen geheissen und nicht als Konkurrent eingestuft oder gar abgewiesen.
Das Schreiben ist eine Lust und dient nicht dem Zweck zu brillieren; da ist kein Gerangel um Geldverdienen oder Imponieren. Das Schreiben, das Web-Weltgestalten ist wichtig und nicht ein vielleicht einmal exakt gefertigtes Produkt, das ja immer im Entstehen begriffen ist und erst dann fertig ist, wenn keiner mehr Lust hat weiterzuschreiben.
Um das eigentliche Mitschreibprojekt herum wird sehr viel mehr Text produziert als im Projekt selbst. Während der Projekttext einen literarischen Anspruch hat oder haben kann, fehlt letzterer dem das Projekt umfliessenden Text. Die Mitschreiber gleiten von der einen Form zur anderen, vom Umgang mit dem täglichen Wahnsinn in das literarisch-dichterische Denken und Texten.
Während des Web-Weltgestaltens entsteht ein Geflecht, das aus Lebensfäden gemacht ist. Der Mittelpunkt besagten Gewebes wird von der Idee, dem Gegenstand, der Web-Welt gebildet. Und diesem Mittelpunkt, der nicht austauschbar ist, gilt das gemeinsame Interesse der Menschen, die ihre Lebensfäden sprechend und handelnd in das Gewebe verweben und damit das bereits Vorgewobene so verändern, wie die Fäden, mit denen sie dabei in Berührung kommen, verändernd auf sie wirken. Das gemeinsame Interesse am Mittelpunkt, an der Web-Welt ist der Stifter der Bezüge zwischen den Menschen. Gäbe es das gemeinsame Projekt nicht, hätten sich die Lebensfäden der Menschen nie berührt und das Gewebe hätte sich nicht bilden können. Die Besorgnis der Menschen gilt dem Mitschreibprojekt, dem Mittelpunkt, zu dessen Wohl sie miteinander sprechen und handeln.
Durch das Miteinanderhandeln und -sprechen, das in diesem Fall ein Miteinandergestalten und Einanderschreiben ist, offenbaren Menschen, wer sie sind und zeigen aktiv die Einzigartigkeit ihres Wesens.
Wenn ein Mitschreibprojekt tot ist, weil keiner mehr weiter schreibt, bleibt der Text, die geschaffene Web-Welt, wenn auch ohne Einwohner, erhalten; der Text, die Web-Welt hat eine Geschichte und damit verknüpft ist die Geschichte des einzelnen "Ab-" oder "Auswanderers"...

Zofingen, den 13. Dezember 2000


Die vorgestellten Mitschreibeprojekte sind:

Webgespräch
Shattered